Haus der Weisheit
Think Tank im 9.Jahrhundert: Wissen und Aufklärung im Dienst des Kalifen

Europa im 9.Jahrhundert: erste Überfälle der Wikinger im Nordatlantik und auf den britischen Inseln, Kontinentaleuropa ein Flickenteppich aus Königreichen, Herzogtümern, Stammesgebieten und sich wandelnden Machtzentren. Ein kultureller Leuchtturm strahlte im Westen: Al-Andalus, das unter muslimischer Herrschaft zwei Drittel der iberischen Halbinsel umfasste, sowie einer ganz im Osten im byzantinischen Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Zwei urbane Zentren der Bildung, Toleranz und Zivilisation. 

In Westasien zur selben Zeit: das Abbasiden-Kalifat erstreckte sich von Tunis, über Ägypten, die gesamte Arabische Halbinsel, Kleinasien, Iran, Irak, Afghanistan, Pakistan bis nach Kasachstan. Namensgeber und Stammvater war des Propheten Mohammeds Onkel al-ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib. Er wurde vom Propheten um 630 n.Chr in seinem ererbten Amt bestätigt, die Pilger im eroberten Mekka mit Wasser zu versorgen. Er regierte selbst kein Reich, dafür seine Nachfahren, ist aber Namensgeber der bis 1517 existierenden Dynastie.

Das "Haus der Weisheit"

Abū l-ʿAbbās ʿAbdallāh al-Ma'mūn ibn Hārūn ar-Raschīd (786-833) war der siebente Kalif der Abbasiden und ältester Sohn von Hārūn ar-Raschīd (766-809), dem der Erzählung nach ("Märchen aus 1001 Nacht") Scheherazade jede Nacht eine Geschichte vortrug, um ihrem Tod zu entgehen. Al-Ma'mūn verlegte seinen Herrschaftssitz 819 aus machtpolitischen Gründen nach Bagdad und war bei Gott kein sanftmütiger Humanist, gründete aber aus Kalkül und Wissensdurst 825 das "Haus der Weisheit". Sein Reich war durch seine Ausdehnung multikulturell geprägt, ein Schmelztiegel aus Arabern, Persern, Christen, Juden, Sabäern etc.

Der Legende nach erschien ihm Aristoteles im Traum, seine Vision von Herrschaft war ein Kalifat des Wissens und der göttlichen Ordnung, das Byzanz überstrahlen sollte. Rationales Denken, Vernunft und Wissenschaft sah er als Stützen der Macht, zusätzlich zu unerbittlicher, militärischer Härte gegenüber seinen Gegnern: Multikulturalismus und aufgeklärte Wissenschaft aus Gründen des Kalküls und Machterhalts, ein in der Geschichte öfter auftauchendes Motiv.

Vorbild war eine Akademie, die bereits 271 n.Chr. im syrischen Gundischapur gegründet worden war und bis ins 10.Jahrhundert existierte. Im Zentrum der Forschung stand dort Medizin, teilweise auch Mathematik. In Bagdad sollte alles noch größer und besser werden: bis zu 90 Gelehrte aus dem gesamten Kalifat übersetzten, kommentierten und schufen Texte zu den Themen Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie, Optik und Mechanik. 

Ihre Arbeiten gelangten über das geistige Zentrum von al-Andalus, insbesondere während des Kalifats von Córdoba (929–1031), nach Europa und befruchten unsere Welt des Wissens bis heute. Große Namen dieser, im Jahr 1258 von den Mongolen zerstörten, Akademie der Wissenschaften sind Hunain ibn Ishaq, Thābit ibn Qurra, al-Kindī, die Brüder Banū Mūsā, al-Abbās ibn Sa'id al-Dschauharī, Ishāq ibn Hunain und 

al-Chwārizmī

Abu Dschaʿfar Muhammad ibn Musa al-Chwārizmī (780-835/850?) war ein aus Choresmien (im heutigen Usbekistan) stammender Universalgelehrter, ein orthodoxer Muslim, mit möglicherweise zoroastrischem Hintergrund. Der Name "al-Chwārizmī" bedeutet wörtlich "der aus Choresmien". Es ist weder sein Geburtsjahr fundiert belegt, noch das Jahr seines Ablebens. Auch ist nichts über seine Ausbildung bekannt oder wo er vor der Tätigkeit in Bagdad seine Studien durchführte. Dass er bereits vor seiner Zeit im "Haus der Weisheit" über fundiertes Wissen auf vielen Gebieten besaß, ist mehr als wahrscheinlich. 

Die meisten seiner Schriften sind im Original (arabisch) verloren gegangen, überlebten aber als Abschriften in lateinischer Sprache. Sein Buch über die indischen Zahlen "De numero Indorum" erklärt u.a. das Dezimalsystem und führte die Null ("sifr") als eigenständige Zahl außerhalb Indiens ein. Es galt lange Zeit als Standardwerk und beeinflusste zahlreiche Rechenmeister des Mittelalters wie Leonardo Fibonacci oder Adelard von Bath. 

Einer Übersetzung aus dem 19.Jahrhundert mit dem Titel "Algoritmi de numero Indorum" ("Al-Chwarizmi über die indischen Zahlen") entspringt unser heute verwendeter Begriff Algorithmus für eine klar definierte Abfolge von Schritten, mit der ein bestimmtes Problem gelöst oder eine Aufgabe automatisiert wird.

"Das kompendiöse Buch über Rechnung durch Ergänzung und Vergleich" ("Al-Kitāb al-muḫtaṣar fī ḥisāb al-ğabr wa-l-muqābala") gilt als Wegbereiter und früher Klassiker der Algebra ("al-ğabr") und gleichzeitig als Namensgeber für ebendiese. Al-Chwārizmī beschreibt darin die systematische Lösung linearer und quadratischer Gleichungen mit dem damals neuen Ansatz, diese (und ihre Lösungen) in geometrischer Form darzustellen.

Die "Astronomischen Tabellen von Sindhind" (az-Zīdsch al-Sindhind) beruhen - wie vieles - auch auf indischen Quellen und enthalten 116 Tabellen zur Berechnung von Planetenbewegungen, Kalendern und trigonometrische Tabellen, vor allem mit Werten der Sinus-Funktion.

Das "Buch über das Bild der Erde" („Kitāb ṣūrat al-arḍ“) ist eine geografische Abhandlung, basierend auf dem um das Jahr 150 n.Chr. entstandenen Atlas des griechischen Universalgelehrten Claudius Ptolemäus und beinhaltet eine Sammlung von Koordinaten von über 2000 geografischen Punkten der damals bekannten Welt. 

Weiters verfasste er ein Werk über den jüdischen Kalender "Erstellung der Chronik der Juden" (Istichradsch Tarich al-Yahud) und das "Buch der Chronik" über Kalender im Allgemeinen und die Verwendung und Konstruktion von Sonnenuhren. 

Ehrungen

Seine Verdienste in den Bereichen der Mathematik, Astronomie und Geografie können gar nicht hoch genug gewürdigt werden. Sein Lebenswerk besteht heute nicht nur in Form auf ihn zurückzuführender Begriffe wie Algebra und Algorithmus weiter, ohne die Null in unserem Zahlensystem ist Mathematik in der heutigen Form gar nicht denkbar. 

Immerhin wurde ein Krater auf der Rückseite des Mondes (die ist natürlich nicht ständig "dunkel") nach ihm benannt, sowie ein rund 3 km großer Brocken im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Die UdSSR widmete ihm eine Briefmarke, Usbekistan zwei Denkmäler und im Iran gibt es einen nach ihm benannten Preis für junge erfinderische Jugendliche. Diesem großen Gelehrten vergangener Zeiten endlich einen Artikel auf TechnoSoph zu widmen, war wohl das Mindeste, was an Dankbarkeit und Respekt vor seinem Werk möglich ist.