moderne Druckerei
Nicht nur die wenigen Erben Gutenbergs fehlen auf dem Bild, sondern auch der Lärm.

In Altertum und Antike gebräuchliche Formate waren Tontafel (Mesopotamien), Stapel aus Palmblättern (Indien), Bambus- oder Holzstreifen (China), Papyrus- und Pergamentrolle (Mittelmeerraum). Diese Vorläufer des Buches waren in Indien und China bereits 500 v.Chr. mit Schnüren gebunden und waren zwischen zwei Holzdeckeln geschützt. Da dünnes organisches Material ungeschützt schnell zu Kompost zerfällt, findet man Schriftrollen aus Papyrus und Pergament meist in Tongefäßen oder Holzkistchen und dort, wo es trocken ist.

Der Form des heute üblichen Buches kamen die römischen Kodizes (ab dem 1.Jhdt n.Chr.) schon recht nahe: das beidseitig beschriebene Papyrus oder Pergament war in der Mitte gefaltet und geheftet und im gesamten Imperium weit verbreitet. Der Inhalt war ähnlich vielseitig wie heute, von der Gesetzessammlung über Urkunden, Chroniken, Lehrtexte, Theaterstücke, Lyrik bis zu Liturgien war alles im Umlauf und konnte in den zahlreichen Bücherläden, den „tabernae librariae“ auch vom einfachen Bürger zu einem vernünftigen Preis gekauft werden. Die Zahl dieser Läden wird für das antike Rom auf mehrere hundert geschätzt, laut römischen Quellen gab es im 4.Jhdt n.Chr. immerhin 28 öffentliche Bibliotheken.

Die große Anzahl dieser frühen Bücher und ihr niedriger Preis waren einerseits den zahlreichen Schreibsklaven geschuldet, andererseits ist Papyrus ein leicht produzierbares Material, das aus der bis zu 5m hohen schilfartigen Papyrus-Pflanze (Cyperus papyrus) gewonnen wird - einer der Export-Schlager im antiken Ägypten. Der Preis in der Höhe eines durchschnittlichen Tageslohns eines einfachen Handwerkers, liegt nicht viel höher als der, den man heute für ein solide gebundenes Buch zahlt.

Stillstand

Das änderte sich im europäischen Kulturraum im Mittelalter gründlich. Das römische Imperium war genauso zusammengebrochen wie der kulturelle Austausch. Die Tradition des Papyrus-Schriftstücks geriet in Vergessenheit, die Vorzüge frei zugänglicher Informationen ebenso. Von nun an unterlag die Weitergabe von Wissen und Unterhaltung der strengen Kontrolle der Kirche und war zumeist auf Klöster und die darin schreibenden Mönche beschränkt, für den Besitz von Büchern drohte zeitweise die Todesstrafe. Verwendet wurde jetzt fast ausschließlich Pergament aus Kalbs- Ziegen- und Schafshaut. Ein teures Material, das erst aufwendig geweicht, enthaart, gespannt, geschabt und geglättet werden muss und ganze Tierherden braucht für ein einziges Buch. "Macht euch die Erde untertan, ohne Rücksicht auf Verluste" so oder so ähnlich lautet eine biblische Handlungsanweisung, die bis heute streng befolgt wird. Das Buch bekam endlich seine uns vertraute Form.

Für besonders edle Werke benutzte man die Häute ungeborener und neugeborener Tiere, die haben eine feinere Haut - das sogenannte "Jungfernpergament". Die Seiten des englischen Codex Amiatinus (um 700) waren einmal 500 blökende Schafe. Dunkle Zeiten für das Buch, für jedermann und den Geist sowieso. Dazu kommt noch, dass das Verfassen und Illustrieren eines einzigen Buches ein oder mehrere Mönche bis zu einem Jahr lang beschäftigte. Immerhin sind diese Handschriften oft reich verziert und hübsch anzusehen und über die Jahrhunderte hinweg wurde so von den Mönchen einiges an alten Schriften durch Transkription aus der Antike in die Neuzeit gerettet.

Fortschritt

Ein weniger dunkles Bild aus der Sicht des Bibliophilen (und des Tierfreunds) gab die Entwicklung des Buches in Asien ab. Vor allem in China blühten in der Zeit der Tang-Dynastie (618–907) und der darauffolgenden Dynastie der Song (960–1279) Dichtung, Malerei, Handel, Wissenschaft und technische Innovation. Nicht nur Kompass und Schießpulver stehen auf der langen Liste der Erfindungen während dieser Epoche, auch der Buchdruck taucht zum ersten Mal auf. Das erste, vollständig erhaltene Druckwerk, das Diamant-Sutra aus dem Jahr 868, ist eine Schriftrolle, die im Holztafeldruck angefertigt wurde und beinhaltet buddhistische Texte. Dass es nicht längst zu Staub zerfallen und immer noch gut lesbar ist, liegt am robusten Papier aus dem Maulbeerbaum, der haltbaren pflanzlichen Tinte, der Lagerung in einer vergessenen Höhle und an dem trockenen Klima Zentralasiens. 

Das in der Nähe von Dunhuang gefundene Exemplar ist leider das einzige, dass bisher gefunden wurde. Am Ende der Schriftrolle befindet sich der Hinweis, ein gewisser Wang Jie ließ es "ehrfürchtig zur universellen kostenlosen Verteilung" im Namen seiner Eltern anfertigen. Das klingt einerseits nach einer höheren Auflage und andererseits nach konfuzianischem Geist.

Der chinesische Schmied Bi Sheng erfand um 1040 bewegliche Druckstempel aus Keramik, aber aufgrund der tausenden verschiedenen logografischen Schriftzeichen konnte diese Technik den Holztafeldruck nicht ablösen. In Korea entstand 1377 dann das allererste mit Metalllettern gedruckte Buch, das Jikji, ebenfalls mit religiösem Inhalt, diesmal zen-buddhistischer Natur. In Korea verwendete man damals die gleichen 3000-5000 Schriftzeichen aus China, mit der selben Auswirkung auf die Massenfertigung - nämlich keine. 

Das damals im orientalischen Westasien und Nordafrika gebräuchliche Abjad ist ein rein konsonantenbasiertes Schriftsystem, beinhaltet also keine Vokale und obwohl es nur 28 Zeichen enthält, ist es für den Buchdruck mit beweglichen Lettern ziemlich ungeeignet. Man legt seit jeher großen Wert auf Kalligrafie und erschwerend kommt hinzu, dass die Zeichen je nach Position ihre Form verändern und alles verbunden geschrieben werden muss. Hatte man im Mittelalter, was Forschung, Wissenschaft und Kultur an sich betrifft, gegenüber den Europäern klar die Nase vorn, sollte sich das zu Beginn der Neuzeit auch aus medientechnischen Gründen gehörig ändern. 

Presse

Die besten Voraussetzungen für die serielle Produktion von Lettern und Büchern bieten alphabetische Schriftsysteme, in dem je ein Buchstabe einen Laut abbildet. Romanische und indogermanische Sprachen brachten in Verbindung mit ihrem nur rund zwei Dutzend Zeichen umfassenden Schriftsystem beste Voraussetzungen mit, um dem Buchdruck endlich richtig Leben einzuhauchen. 

Diesen Hauch besorgte dem gedruckten Buch der Mainzer Goldschmied Johannes Gensfleisch zur Laden zum Gutenberg (1400-1468). In jahrelanger mühsamer Vorarbeit besorgte er sich Startkapital, Zinn, Blei und Werkstatt und feilte an der richtigen Legierung für seine Lettern, zu der noch Antimon und Wismut dazukamen, sowie an geeigneter Tinte, die er in einer Mischung aus Leinölfirnis und Ruß fand. Das alles galt es mit einer in der Papier- und Weinherstellung bereits verwendeten und von ihm weiterentwickelten Spindelpresse unter einen Hut zu bringen. 

Nach erfolgreicher Experimentierphase war es dann 1450 endlich soweit: die ersten Druckwerke verließen Gutenbergs Werkstatt. Darunter Kalender, Wörterbücher und Ablassbriefe. Gedruckt wurde auf Papier, das aus nicht mehr verwendbaren Leinen- und Baumwolltextilien (den Hadern) geschöpft wurde. Für wertvollere Drucke, griff er auf Pergament zurück. 1452 entstand dann der ewige Bestseller, die Bibel, das mit Abstand am weitesten verbreitete Buch der Welt. Mit geschätzten 5 Mrd. Exemplaren (in über 3000 Sprachen), lässt sie Konkurrenten wie die "Worte des Vorsitzenden Mao" mit 1 Mrd. Exemplaren und die Harry-Potter-Reihe (alle Bände zusammen 600 Mio.) weit hinter sich.

Die berühmte Gutenberg-Bibel erschien in einer Auflage von 180 Stück, ist reichlich verziert und trägt für Kenner die kurze Bezeichnung B42. Diese kommt von den jeweils 42 Zeilen, die auf den 1.282 Seiten der zweiteiligen Ausgabe (Altes Testament, Neues Testament und Propheten) zu finden sind. Natürlich in lateinischer Sprache, bis zur Übersetzung und Verbreitung auf Deutsch (ab 1522) durch Martin Luther (1483-1546) sind's noch ein paar Jahre. Von den 180 Exemplaren (30 davon auf Pergament) sind noch 49 erhaltene bekannt. Kosteten diese zur Zeit Gutenbergs etwa 30 Florin (entsprach dem Jahreslohn eines gut verdienenden Handwerkers), so darf heute eine stolze Summe zwischen 4 und 10 Mio. Euro dafür hingeblättert werden (entspricht dem Jahreslohn eines gut verdienenden Managers oder ein paar hundert Jahren Handwerkerarbeit). 

Bücherschwemme

Gutenberg blieb nicht der einzige, der gedruckte Bücher herstellte. Erste Konkurrenz bekam er ab 1457 in Mainz durch seine ehemaligen Geschäftspartner Fust und Schöffer. In den 1460er Jahren entstanden weitere Druckereien in Bamberg, Straßburg, Köln, Basel, Rom und im darauf folgenden Jahrzehnt in Paris, Venedig, Krakau, Sevilla und London. Um 1500, also nur 50 Jahre nach Gutenbergs ersten Drucken, gab es bereits an die 1.000 Druckereien in ganz Europa. Produzierte Bücher bis dahin: 20 Mio. Von da an gab's kein Halten mehr. Ob Verwaltung, Universität oder gemeiner Bücherwurm - alle hatten nach tausendjähriger heiliger Leere im Kopf einen unstillbaren Hunger nach Wissen und Unterhaltung oder Religion und Indoktrination. Das Buch ist geeigneter Träger für all diese Begehrlichkeiten und trotz der digitalen Revolution in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken.

Weitere Beschleuniger der Bücherschwemme waren im 19.Jahrhundert die voranschreitende Mechanisierung und Industrialisierung durch Dampfmaschinen und die Entwicklung des Rotationsdrucks und bessere Satztechnik. 1904 erfand Ira Washington Rubel den bis heute gebräuchlichen Offsetdruck. Dieses indirekte Flachdruckverfahren schont die Druckplatten und ermöglicht das Drucken auf weitere Materialien wie Textilien, Keramik, Glas, oder Metall. Der in den 1980ern eingeführte Digitaldruck benötigt keine Druckplatte mehr, die Tinte/Farbe kommt per Tintenstrahl, Laser oder Elektrofotografie auf's gewünschte Medium.

Planet der Bücher

Pro Tag gibt es über 4.900 Neuerscheinungen (digital und analog), pro Jahr kommen also 1,8 Mio. zu den bisher erhältlichen 130 Mio. Titeln dazu. Bei den Auflagen, die diese in gedruckter Form haben, dürfte eine Gesamtzahl von 150-200 Mrd. Bücher bis heute gedruckt worden sein. Extremisten an der Bücherwurmfront kommen auf mindestens 100 gelesene Bücher pro Jahr, schaffen in ihrem Leben also einige Tausend davon. Für die gibt's Vorrat genug: bei einer durchschnittlichen Dicke von 3 cm reicht der verfügbare Bücherstapel nicht ganz bis zur Sonne, aber immerhin bis zum Merkur. Bitte nicht anstoßen! Wenn der umfällt...

Einerseits nagen World Wide Web und digitale Lesegeräte an den Auflagen der Verlagshäuser, andererseits hat heute jeder seine eigene Satz- und Schreibmaschine daheim oder in der Hosentasche. Nach ein paar Hunderttausend Tastenschlägen und wenigen Mausklicks ist das eigene, selbst geschriebene Buch Realität. Entweder durch eine höhere Gebühr für die Publikation in gedruckter Form oder eine kleinere für das Erscheinen auf Kindle, dem Marktführer aus dem Haus des größten Buchhändlers der Welt: Amazon. Die Alternativen heißen Tolino, Kobo, PocketBook, Boox oder ReMarkable, lesen PDFs, EPUBs oder proprietäre Formate – oder sind mit gar keinen Konzernen irgendwie verdongelt.

Der Trend geht ohnehin nicht nur zum Zweitbuch, sondern längst zum Hörbuch. Der Ohrstöpsel ist des nimmersatten - aber auch ständig unter Zeitnot leidenden - Bücherwurms liebstes Accessoire. Aber eines bleibt für immer die größte Stärke des analogen Buches. Welche? Abwarten - bis zum nächsten Server- oder Stromausfall...

„Die Bücher sollen uns daran erinnern, was für Esel und Dummköpfe wir sind.“ aus Ray Bradburys "Fahrenheit 451"