kosmische Hintergrundstrahlung
Größer und älter geht nicht: Karte der kosmischen Hintergrundstrahlung

Karten gehören zu den besten Erfindungen der Menschheit - gleich nach Rad, Zahnbürste und Toilettenspülung. Nicht nur zur Übersicht und Durchquerung der Erdoberfläche wurden mühsam Informationen gesammelt  und aufgezeichnet, auch der Nachthimmel wird seit langem für Astrologie, Kalender und Navigation kartiert.

Erde

Grundsätzlich können Karten, die die Erde abbilden, in zwei Gruppen aufgeteilt werden: Der Klassiker sind topografische Karten als einfaches Abbild der Erdoberfläche. Die Landkarte gibt's als faltbaren Bogen, als Kartenwerk zum Blättern (Atlanten) und in Groß für Wand und Schule oder in digitaler Form für 2D/3D-Monitore, Smartphones und Datenbrille. Vorteile der digitalen Variante sind (fast) ständige Verfügbarkeit, schnelle Interaktion und Aktualisierung in Echtzeit. Es gilt das Gleiche wie bei Kameras: die beste Karte ist die, die man dabei hat. 

Die andere Gruppe bilden thematische Karten. Auf ihnen kann von Kulinarik bis medizinischer Versorgung jede Art von Infrastruktur verzeichnet und - Vorteil der digitalen Variante - in Echtzeit miteinander verknüpft werden. Die meisten thematischen Karten werden aber nicht für (informations)hungrige Konsumenten erstellt, sondern für Verwaltungszwecke und wissenschaftliche Analysen.

Die Nachteile der digitalen Karten sind oft ihre Abhängigkeit von Netz und Energiequelle, außerdem die Größenbeschränkung und immer gewichtiger beim Erstellen der Karten - ihre Ungenauigkeit. Die digitale Erfassung per Satellit oder erdnahem Fluggerät und die anschließende digitale Ausgabe schneiden in dieser Hinsicht gegenüber analoger Kartenerstellung schlecht ab - wenngleich sie natürlich für viele Messungen und Visualisierungen unerlässlich sind.

Alter

Aus der Jungsteinzeit sind rund 13.000 Jahre alte erste kartenähnliche Ritzungen bekannt. Die älteste kartografische Darstellung einer Stadt entstand lange vor der Erfindung der Schrift in der Türkei (Çatalhöyük bei Konya) - 8200 Jahre vor Smartphone und E-Scooter.

Auch aus sumerischer Zeit (4000-2000 v.Chr.) sind Tontafeln mit ähnlichen Motiven bekannt. Der Stadtplan von Nippur in Babylonien entstand um 1500 v.Chr - zur selben Zeit wie Karten mit Goldminen im alten Ägypten. Viele symbolische Karten sind nicht maßstabsgetreu, sondern dienten nur zum Festhalten wichtiger Orte oder religiöser Vorstellungen.

Bis zur Antike waren diese Aufzeichnungen zu richtigen Karten gereift. Die erste Weltkarte ist ebenfalls babylonischer Herkunft (700-500 v.Chr.), eine Tontafel mit einer schematisch dargestellten Welt in Kreisform mit Babylon im Zentrum. Eine ebenfalls kreisförmige Welt umgeben vom Ozean, aber mit Griechenland im Zentrum ist um 550 v.Chr. von Anaximander (610-547 v.Chr.) erstellt worden, schreibt Herodot (490/480-430/420 v.Chr.) - erhalten geblieben ist sie leider nicht. 

Den nächsten Meilenstein setzte der griechische Universalgelehrte Eratosthenes von Kyrene (276/273-194 v.Chr.) mit der Einführung von Längen- und Breitengraden um eine kugelförmige Erde, deren Umfang er gleich mitberechnete - mit nur etwa 2% Abweichung vom tatsächlichen Wert.

Um 120 n.Chr. entwickelte der griechische Geograph Marinos von Tyros darauf aufbauend ein echtes Koordinatensystem mit ersten Projektionen der Weltkugel auf eine ebene Fläche. In seinem "Geographike Hyphegesis" (150 n.Chr.) listete Claudius Ptolemäus (100-160 n.Chr.) nicht nur 6300 Orte in einem einheitlichen Koordinatensystem, er gab darin Anleitungen zum Erstellen von Karten und führte die bis heutige Definition von Breitengraden ein (Äquator 0°, Pole ±90°). Sein Nullmeridian verlief durch die Kanarischen Inseln und hatte bis ins 19.Jahrhundert Gültigkeit.

Ptolemäus erstellte auch einen Sternenkatalog ("Almagest") mit über 1000 Sternen in 48 Sternbildern. Wenn man bedenkt, dass seit Menschengedenken mit freiem Auge nur rund 4000 verschiedene Objekte am Nachthimmel erkennbar waren (Dank Elon Musks Starlink sind's jetzt mindestens dreimal soviele, 42.000 sind geplant), war die Welt zu unseren Füßen und über unseren Köpfen vor 2000 Jahren schon recht gut kartiert - abgesehen von fehlenden Kontinenten. Das Ptolemäische (geozentrische) Weltbild mit der Erde im Zentrum hatte immerhin bis ins 16.Jahrhundert Bestand. 

Die "Tabula Peutingeriana" enstand im späten 12.Jahrhundert als Kopie einer aus dem 4.Jahrhundert stammenden (und nicht mehr erhaltenen) Karte des Strassennetzes des Römischen Imperiums. Antikes Kartenwerk aus Papyrus, Pergament, manchmal aus Holz, war leider nicht besonders haltbar. Aber wer schon mal auf Daten von 20 Jahre alten, selbstgebrannten CDs zugegriffen hat... - egal, lassen wir das.

1507 erscheint die "Waldseemüller-Karte", die erste Karte mit dem Namen "America". Die Neue Welt betritt unsere kartographische Bühne. 1569 entwickelte Gerhard Mercator die bis heute verwendete "Mercator-Projektion". Diese Zylinderprojektion in Richtung der Zylinderachse verzerrt Flächeninhalte und Distanzen, hat aber den Vorteil der Winkeltreue. 

Sie hat keine festen Standardbreitenkreise und ist nur am Äquator korrekt. Die Winkeltreue ist besonders in der Seefahrt von Bedeutung, eine physikalisch und mathematisch korrekte Abbildung einer Kugel auf eine Fläche ist eben leider nur mit Verrenkungen und Falschdarstellungen möglich. Diese Projektion des Globus auf eine Karte ist bis heute die häufigste.

Vorherrschaft

Kein Wunder, mit ihr erscheinen Nordamerika und Europa immer überproportial groß. Grönland erscheint ähnlich groß wie Afrika. Das tatsächliche Größenverhältnis dieser beiden Landmassen zueinander beträgt allerdings 1:14 und natürlich liegt Europa immer im Zentrum der Welt - ein klares Statement, wenn man bedenkt, dass eigentlich eine (abgeflachte) Kugel dargestellt wird. 

Im Hochmittelalter lag Jerusalem im Mittelpunkt von europäischen Karten (die "Mappa mundi") und damit der Welt. Die monumentale, im 2.Weltkrieg zerstörte "Ebstorfer Weltkarte" aus dem 13.Jahrhundert zeigte die ganze Welt als Körper des Gottessohnes Jesus Christus.

Indoktrinierung der Massen hat viele Stellschrauben, Karten sind eine davon. Auch die Einschätzung des Stellenwerts, den sich eine Kultur selbst gibt, läßt sich seit je her an den dort erstellten Karten ablesen. 

Ausgleich

1855 stellte der schottische Geistliche James Gall eine alternative, flächentreue Zylinderprojektion vor, bei der die Standardbreitenkreise bei 45° Nord und Süd liegen und veröffentlichte sie 1885 als "Gall’s Orthographic Projection". So werden die Kontinente endlich maßstabsgetreu wiedergegeben, auf Kosten der Winkeltreue.

Verwendet und bekannt wurde sie allerdings erst lange nach seinem Tod durch den deutschen Historiker und Filmemacher Arno Peters. Er präsentierte diese Ansicht 1973 der Öffentlichkeit als "Peters-Weltkarte" um endlich ein gerechteres Weltbild zu schaffen - ohne den eigentlichen Urheber zu nennen. Seit 1980 wird diese korrekte Darstellung der Größenverhältnisse (Gall-Peters-Projektion) von Hilfsorganisationen und Bildungsinitiativen vermehrt verwendet, zb. von der UNESCO.

Aufbau

Genormte Karten sind stets nach Norden ausgerichtet, aber das war nicht immer so. Lange waren unsere Karten nach Osten ausgerichtet, daher das Wort Orient-ierung. Manchmal auch nach Süden, darum wurde ab 1492 eine sogenannte Windrose eingezeichnet - mit Angabe der Himmelsrichtungen. Führte der Nullmeridian nach Ptolemäus noch durch die Kanaren, verlegten ihn arabische Astronomen um 1075 an die Westspitze Afrikas.

Im Mittelalter war man sich in Europa uneins, so ging er bei den einen durch Paris, bei anderen durch Rom oder Königsberg. Auf der Internationalen Meridiankonferenz in Washington D.C. (1884) wurde der Nullmeridian dann offiziell auf das Royal Observatory in Greenwich gelegt. Mit dem Ende der Monarchie 1918 wechselte man in Österreich endgültig vom traditionellen Ferro-Meridian (durch El Hierro auf den Kanaren) auf das neue Netz aus Längen- und Breitengraden. Deutschland vollzog diesen Wechsel 1923.

Diese Angaben zu den Koordinaten befinden sich traditionell am Kartenrahmen. Am Kartenrand befinden sich die Maßstabsangabe, oft eine Längenskala zum Übertragen von Entfernungen, redaktionelle und rechtliche Angaben, ISBN usw. Die Legende beinhaltet eine Erklärung der verwendeten Symbole im Kartenfeld. 

Updates

Für digitale Karten gelten natürlich andere Regeln. Bei ihnen können Elemente interaktiv ein- oder ausgeblendet, verknüpft oder geändert werden. Die bekanntesten davon sind Google Maps und Waze (Google, Alphabet), HERE WeGo (Audi, BMW, Mercedes, Intel), OpenStreetMap/Wikitude (OpenStreetMap Foundation, Qualcomm), OsmAnd (OsmAnd B.V.), Apple Maps (Apple) und Bing Maps (Microsoft).

Diese können allesamt auch offline benutzt werden - Download der entsprechenden Kartensegmente vorab vorausgesetzt. Dann fehlen eben manche Echtzeit-Informationen wie Online-Suche oder die Übersicht über die Verkehrslage. Als Navigationshilfe funktionieren sie aber auch ohne Datenverbindung - dank GPS. Regelmäßiges updaten steigert die Genauigkeit, verhindert aber keine falschen Daten und die gibt es immer.

An der Leine

Welches Ziel besonders sehenswert ist, wo das Essen am besten schmeckt und die besten Partys steigen, bestimmen die Algorithmen und das Werbebudget der Konzerne. So kommt es immer häufiger zur Konzentration vieler Konsumenten an den immer selben Orten und dem einheitlichen Wunsch nach Befriedigung der stets konformen Konsumbedürfnisse. 

Einen nicht-kommerziellen Weg gehen die Karten der OpenStreetMap Foundation und besonders von OsmAnd, das auf transparenten Routing-Regeln basiert und vollständig konfigurierbar ist. Obendrein ist es Open Source, man kann den Dienst also bis in die letzte Programmzeile genau überprüfen.

War man früher auf Reisen stets Entdecker und wusste nicht, was einen hinter der nächsten Ecke erwartet, hängen heute immer mehr User unterwegs an der kurzen Leine eines Konzerns, der mit Sichtbarkeitslogik und manipulierten Empfehlungen vorgibt, was in der eigenen Filterblase zwingend interessant ist und welche Route dorthin am besten zu wählen ist. Was heute als große individuelle Freiheit empfunden wird, ist eher traurige Inspirations- und Hilflosigkeit und das genaue Gegenteil von Individualität.

Am Ziel

Auf der andere Seite helfen diese technischen Hilfsmittel Menschen mit besonderen Bedürfnissen und Einschränkungen am Alltagsleben - so gut es geht - barrierefrei teilzunehmen. Wem seine Sinne und das Smartphone noch zu wenig Fortschritt bieten, dem sei eine Datenbrille wärmstens empfohlen. Analoge und virtuelle Realität überlagern sich so gleich direkt vorm, auf Informationsfluss fixierten, Auge. 

Es war ein langer Weg von der Terra Incognita in die völlig kartierte und vermessene Welt. Auch wenn's oft so aussieht, als hätten wir uns alle dabei völlig verirrt, bleibt das alles ganz natürlich: der Mensch will immer alles wissen. Ganz besonders interessiert ihn dabei, wo er denn gerade ist und wie lange es noch dauert, bis wir endlich da sind.