Silhouette vor den Barrikaden
Frankreich und die ewige Revolution: "Ich revoltiere, also sind wir." (Albert Camus)

Paris, Mai 1968. Zehntausende Studenten protestieren gegen autoritäre Strukturen, konservative Politik, niedrige Löhne und ein überholtes Bildungssystem. Es werden Barrikaden errichtet, Universitäten besetzt und am Ende beteiligen sich über 10 Millionen Franzosen an einem landesweiten Generalstreik.

Die Initiatoren der Bewegung - bestehend aus Maoisten, Trotzkisten, Situationisten, Anarchisten und libertären Sozialisten - sind teilweise offizielle Repräsentanten der Hochschulgewerkschaft und Studentenvereinigung, andere sind bereits lange davor in revolutionären Zellen und Aktionsgemeinschaften organisiert. Nach dem Vorbild der chinesischen Kulturrevolution soll alles beseitigt und erneuert werden, was an bestehende Traditionen oder herrschendes Establishment erinnert - so lauten zumindest einige Parolen.

Ende Mai erhöhen die Arbeitgeber die Mindestlöhne um 35%, die Gewerkschaften distanzieren sich teilweise von den radikalen Studenten, Präsident Charles de Gaulle flieht ins deutsche Baden-Baden. Nach einem kurzen Aufenthalt löst er die Nationalversammlung auf und die Proteste gehen zu Ende. Die anschließenden Neuwahlen am 23.Juni gewinnen die konservativen Parteien mit deutlichem Vorsprung.

Revolutions-DNA

Die Ereignisse im Mai 1968 waren ein Symptom. Die Ursachen für die Unruhen reichen tief – bis in existenzielle Fragen des modernen Menschen. Neben Marxismus, den Schriften Lenins und Maos leistet vor allem eine philosophische Strömung die Vorarbeit zum kurzzeitigen (Beinahe-)Zusammenbruch der gewohnten Ordnung: der Existentialismus. 

Die Zeit der Entstehung dieser Strömung ist selbst eine, in der die gewohnte Ordnung zerstört und die Geisteswelt als besiegt erschien: spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg und die Besetzung Frankreichs. Tiefe Krisen bis hin zur Todesangst sind traumatische Erfahrungen, die alles in Frage stellen und das Gewohnte und Erlernte vollständig zerstören können. 

Kunst, Philosophie und die Suche nach Neuorientierung, inmitten der ständig wiederkehrenden Frage nach den Ursachen für die Katastrophe, können zum Rettungsanker werden, wenn es darum geht, nicht den Verstand zu verlieren oder gar an der Situation zugrunde zu gehen.

Das, was später zur Philosophie des Existentialismus heranreifen sollte, beginnt auch mit dem Schreiben Jean-Paul Sartres in deutscher Kriegsgefangenschaft, Simone de Beauvoirs Zeit im besetzten Paris und Albert Camus' Verzweiflung im von Frankreich besetzten Algerien.

Verbunden durch eine gemeinsame intellektuelle Haltung werden die drei ab 1943 enge Freunde, Sartre und Beauvoir sind bereits seit 1929 ein Paar. Jeder mit eigenem Entwurf der neuen, notwendigen Realität, jeder in seinem eigenen Gedankengebäude unter einem gemeinsamen Dach: dem Streben nach Freiheit, Verantwortung und Authentizität. 

Sartre (1905-1980): 
"Die Hölle, das sind die anderen"

Jean-Paul Sartre gilt heute als wichtigster Vertreter des Existentialismus, eine zentrale Figur in intellektuellen Kreisen im Paris der 1960er Jahre. Seine Arbeit als Philosoph ist geprägt durch Analyse und Reflektion von Individuum und Gesellschaft. Als wichtiger Unterstützer der Studentenbewegung im Mai '69 bleibt er dieser intellektuellen Haltung treu, spricht öffentlich an der besetzten Sorbonne, wird aber weder zum Agitator, noch liefert er (die eingeforderten) Handlungsanweisungen.  

Der frühe Tod seines Vaters, eine Linsentrübung mit anschließender Erblindung seines rechten Auges und kaum Kontakt zu Gleichaltrigen bis zum Alter von 10 Jahren prägen seine Kindheit. 1920 wird er Internatsschüler und beginnt mit dem Verfassen von Novellen und ersten Kapiteln für einen Roman. Neben Literatur interessiert er sich für Philosophie, Psychologie, Film und eine damals aufkommende neue Strömung der Unterhaltungsmusik, den Jazz.

1931 wird er selbst Gymnasiallehrer für Philosophie in Le Havre. Er ist nicht besonders an Politik interessiert und hält die Machtübernahme Hitlers 1933 nur für ein kurzes unbedeutendes Intermezzo. Der spanische Bürgerkrieg ab 1936 berührt ihn aber tief. Er beendet seinen ersten Roman "Der Ekel", seiner Einschätzung nach ein belletristisches Werk, so wie 1937 die Erzählung "Die Mauer" ("Le Mur"). 

"Die Mauer" ist seine Aufarbeitung des spanischen Bürgerkriegs, "Der Ekel" sein Abarbeiten an seinen frühen Erfahrungen von Entfremdung und des Gefühls überflüssig zu sein, das ihn seit seiner Kindheit begleitet. Es ist seine erste Dekonstruktion einer Romanfigur, dem fiktiven Historiker Antoine Roquentin, der sein Leben als leer und bedeutungslos empfindet.

Der Ekel entsteht durch unbedeutende Alltagssituationen. Ein Stein, eine Wurzel, sein Spiegelbild - alles ist "zu viel" oder "überflüssig". Einen zentralen Begriff bildet die Kontingenz: "Die Dinge sind einfach da – und das ist das Schlimmste." Es klafft ein Riss zwischen dem Sein an sich und dem Sein für sich (dem Bewusstsein) - also der erlebten Existenz seiner Romanfigur.

Roquentin erkennt, dass es keine höhere Ordnung oder transzendente Struktur gibt. Der Mensch ist frei – und diese radikale Freiheit ist zugleich eine Last. Die Schlussfolgerung daraus ist aber nicht Resignation, sondern ein Entwurf zur Selbstverwirklichung – etwa durch Kunst. 

Existentialistische Philosophie

Sartre folgert: "Die Existenz geht dem Wesen voraus", was nicht zeitlich gemeint ist, sondern ontologisch, seine grundlegende Beschaffenheit beschreibend. Existenz und Wesen sind in der Realität untrennbar verbunden, beschreiben aber verschiedene Sachverhalte. 

Spürbar ist diese Trennung für Menschen, die authentisch, frei und verantwortungsvoll sind. Wer nur funktioniert, Vorgelebtes nachahmt und sich nicht immer wieder selbst entwirft, braucht auch keine Philosophie, keine Kunst und keine Rebellion. Er ist kein frei gewählter Entwurf, sondern Objekt - der perfekte Kollaborateur.   

Als Sartres philosophisches Hauptwerk gilt "Das Sein und das Nichts" ("L’être et le néant"). Er beginnt damit in Kriegsgefangenschaft 1940, wird 1941 aus dieser entlassen und arbeitet daran weiter bis 1943. Zentrale Themen darin sind Angst, Selbstlüge und der Blick des Anderen.

Angst beschreibt Sartre nicht als Furcht vor etwas Konkretem. Er ist im Lager auch nie in Todesgefahr, sondern kann schreiben und bekommt sogar Urlaub. Er schreibt hingegen von der Angst als Erfahrung der eigenen Freiheit: "Die Angst ist die Bewusstwerdung des Nichts, das ich bin.". Das ist  der "Abgrund der Freiheit" – wir sind zur Freiheit verurteilt.

Die Selbstlüge ist die Flucht vor Verantwortung: "Der Mensch ist zugleich der Lügner und der Belogene." Ein Kellner, der sich vollkommen mit seiner Rolle indentifiziert, als wäre er nichts anderes, verleugnet in Wahrheit seine Freiheit, indem er sich auf eine feste Identität reduziert. Wir fliehen oft vor der Verantwortung, indem wir so tun, als wären wir nur ein Objekt.

Der Blick des Anderen und die Entfremdung des Selbst: "Ich bin, was ich für den Anderen bin.". Wenn uns jemand ansieht, erleben wir uns nicht mehr als Subjekt, sondern als etwas, das beurteilt wird. Der Blick des Anderen kann zur Hölle werden, wenn wir uns nur noch über fremde Urteile definieren.

Werke

Weitere literarische Werke: "Zeit der Reife", "Das Spiel ist aus" und "Der Tod in der Seele" bilden die Romantrilogie "Die Wege der Freiheit" (1945-1949), sowie Autobiografisches: "Die Wörter" (1964) und Essays: "Was ist Literatur?" (1947), "Baudelaire" (1947) und "Saint Genet: Schauspieler und Märtyrer" (1952).

Theaterstücke: "Geschlossene Gesellschaft" (1944), "Die Fliegen" (1943), "Die schmutzigen Hände" (1948) und "Der Teufel und der liebe Gott" (1951).

Philosophisches: "Die Transzendenz des Ego" (1939), "Skizze einer Theorie der Emotionen" (1939), "Das Sein und das Nichts" (1943), "Der Existentialismus ist ein Humanismus" (1946), "Kritik der dialektischen Vernunft" (1960).

De Beauvoir (1908-1986): 
"Ich bin da, mein Herz schlägt"

Simone de Beauvoir zählt heute zu den bedeutendsten Feministinnen des 20.Jahrhunderts, ihre Studie über die Rolle der unterdrückten Frau "Das andere Geschlecht" ist bis heute ein Bestseller. Sie teilt Sartres existentialistische Philosophie, die auf der Trennung des Lebensentwurfs vom Sein-an-sich beruht.  

Simone de Beauvoirs Familie gehörte einst zum französischen Geldadel mit Landgütern und familiären Bindungen zu echten Blaublütigen. Am Ende des 1.Weltkrieges verlor der Großvater jedoch sein gesamtes Vermögen und das von ihrem Vater in russischen Wertpapieren angelegte Vermögen ging dank der Oktoberrevolution 1917 auch verloren. Die Familie landet im bescheidenen Bildungsbürgertum.

Ab dem 5.Lebensjahr besucht sie ein katholisches Mädcheninstitut, ihr erster Berufswunsch bis zu ihrem 15.Lebensjahr: Nonne. Vorerst von Schule und Eltern unbemerkt, konvertiert sie zum Atheismus und wählt Mathematik und Philosophie als Leistungsfächer im letzten Schuljahr. Gleichzeitig besucht sie Vorlesungen im Fach Literatur an der Pariser Sorbonne.

Simone de Beauvoirs frühe Entfremdung vom familiären Umfeld ist die einer Heranwachsenden, die die in sie gesteckten Erwartungen - bürgerliches Leben, Kirche, Familiengründung - nicht erfüllen kann und will. Sie engagiert sich in einem katholischen Bildungs- und Wohltätigkeitsverein und bekommt über ihre Philosophiedozentin eine erste Anstellung mit einem Lehrauftrag für Psychologie. 

Um vollwertige Gymnasiallehrerin zu werden, besucht sie ab 1928 die dafür vorgesehenen Kurse an der Sorbonne und an der Elitehochschule für Lehramtsfächer, der École normale supérieure. In dieser Zeit entsteht eine tiefe Freundschaft zu ihrem Studienkollegen Jean-Paul Sartre, die 1929 in einen gemeinsamen Pakt mündet: eine offene Beziehung, nicht monogam, aber dafür radikal ehrlich.

Der Pakt mit Sartre

Dieser Pakt sollte 51 Jahre andauern, bis zu Sartres Tod 1980. Ihre Liebesbeziehungen zu verschiedenen Partnern überschneiden sich manchmal, darunter auch Minderjährige, die de Beauvoir an Sartre heranführt. Die beiden teilen sich Hotelzimmer - wie etwa in ihrer zweiten Wahlheimat, der italienischen Metropole Rom - leben aber immer getrennt. Einen Heiratsantrag von Sartre 1931 lehnt sie ab.

Ab 1931 unterrichtet de Beauvoir als Philosophielehrerin in Marseille und kehrt für eine neue Anstellung an einem Gymnasium 1936 wieder nach Paris zurück. Ihre erste Erzählung "Quand prime le spirituel (Marcel, Lisa, Chantal)" wird von zwei Verlagen abgelehnt, ist bis heute nicht auf Deutsch erschienen und erscheint posthum. Themen der Erzählung: soziale Zwänge und weibliche Selbstbestimmung.

Widerstand und Durchbruch

1941 beteiligt sie sich zusammen mit Sartre an der Gründung der Widerstandsgruppe "Socialisme et Liberté" gegen das Vichy-Regime und die deutsche Besatzung, einer Gruppe, die sich 1942 wieder stillschweigend auflöst. 1943 wird sie aus dem Schuldienst entlassen, dafür gelingt ihr der Durchbruch als Autorin mit ihrem ersten Roman "Sie kam und blieb" ("L’invitée") und 1945 mit "Das Blut der Anderen" ("Le Sang des autres").

Ihr erstes philosophisches Werk "Pyrrhus und Cinéas" stammt aus 1944 und behandelt die Frage: warum handeln wir überhaupt, wenn das Endziel Ruhe ist? Antwort: "Unsere Handlungen sind nie absolut, aber sie sind notwendig, um uns selbst zu entwerfen." Ein für den  Existentialismus typisches Element, die Dekonstruktion des Ich, bedeutet für de Beauvoir die Abspaltung des Ziels vom Handeln: der Mensch definiert sich durch seine Handlungen, nicht durch ein vorgegebenes Ziel. 

Reisen

Nach Kriegsende beginnt sie ab 1947 zu reisen. Erst in die USA, dann nach Skandinavien bis kurz vor den Polarkreis, dann Berlin. Nachdem sie 1949 mit ihrem vierten philosophischen Werk "Das andere Geschlecht" ("Le Deuxième Sexe") einen Welterfolg landet, ist sie die bekannteste weibliche Intellektuelle Frankreichs und erhält Einladungen von Regierungen und Universitäten rund um den Erdball. 

Sie reist weiter durch ganz Europa, nach Nord-, Mittel- und Südamerika, in den Nahen Osten, in die UdSSR und nach China. Reiseberichte erscheinen 1950 - "Amerika – Tag und Nacht" ("L’Amérique au jour le jour") - und 1957 "La Longue Marche" (nicht in Deutsch erschienen), über ihre Reise durch China. Zusammen mit Sartre trifft sie privat Fidel Castro und Che Guevara, die unsterbliche kubanische Revolutions-Ikone linker Bewegungen auf der ganzen Welt. 

Artikel über die Lage in Algerien in "Les Temps Modernes", einer von ihr und Sartre 1945 mitbegründeten Zeitschrift, führen 1958 zur Beschlagnahmung zweier Ausgaben. Frankreich steckt im algerischen Unabhängigkeitskrieg (1954-1962), die Positionen der Existentialisten decken sich ganz und gar nicht mit der der französischen Regierung unter de Gaulle.

Bandbreite

Ihre Rolle als Begründerin des Feminismus nach 1968, die im internationalen Erfolg von "Das andere Geschlecht" ihren Anfang nimmt, wird im Lauf der Jahrzehnte immer bedeutender, da sich de Beauvoir in vielen ihrer Werke der Rollenfindung und der Unterdrückung der Frau widmet. Vieles ist eindeutig autobiografisch und zugleich gesellschaftspolitisch relevant, den Blick stets auf die Themen Freiheit und Verantwortung in einer Welt ohne absolute Werte gerichtet.

Dabei stützt sich ihre Philosophie auf das Gedankengebäude Søren Kierkegaards (1813-1855) - einem dänischen Philosophen, protestantischen Theologen und religiösen Autor, der als Wegbereiter der Existenzphilosophie gilt - und auf die Dialektik Georg Wilhelm Friedrich Hegels (1770-1831). 

Sie entwickelt das Gedankenkonstrukt des Existentialismus weiter, mit Kommunismus als idealer Gesellschaftsform für Anliegen und Gleichstellung der Frau. Die Maxime ihrer Gebrauchsanleitung zum Selbstentwurf des Individuums gilt heute - Ironie der Geschichte - im neoliberalen Kapitalismus als intellektueller Mainstream und lässt sich in einem Zitat aus "Das andere Geschlecht" vereinfacht zusammenfassen: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es."

Näherte sich de Beauvoir vor 1949 auch allgemeinen philosophischen Fragen wie dem Thema Unsterblichkeit (im 1946 erschienenen Roman "Alle Menschen sind sterblich") oder der Ethik ("Für eine Moral der Zweideutigkeit", 1947) verschiebt sich der Fokus ihrer Arbeit vom Individuum an sich hin zur Stellung der Frau im Patriarchat. 

In späteren Werken verarbeitet sie ebenso Kritik an (Überfluß-)Gesellschaft, Imperialismus und was sonst noch - aus existentialistischer Sicht - Authentizität, Freiheit und Verantwortung verhindert. Ihre herausragende Stellung als Ikone des Feminismus verändert aber naturgemäß die Rezeption ihrer Arbeiten beim Publikum.

Werke 

Romane und Erzählungen: "Sie kam und blieb" (1943), "Das Blut der Anderen" (1945), "Alle Menschen sind sterblich" (1946), "Die Mandarins von Paris" (1954), "Die Welt der schönen Bilder" (1966), "Eine gebrochene Frau" (1967)

Philosophisches: "Pyrrhus et Cinéas" (1944), "Für eine Moral der Zweideutigkeit" (1947), "Das andere Geschlecht" (1949), "Soll man de Sade verbrennen?" (1955), "Das Alter" (1970)

Autobiografisches: "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" (1958), "In den besten Jahren" (1960), "Der Lauf der Dinge" (1963), "Ein sanfter Tod" (1964), "Alles in allem" (1972), "Die Zeremonie des Abschieds" (1981)

Theaterstück: "Die unnützen Mäuler" (1945)   

Camus (1913-1960): 
"Was ist ein Rebell? Ein Mann, der Nein sagt."

Albert Camus ist einer der bedeutendsten französischen Autoren des 20.Jahrhunderts. Er wird früh Mitglied der kommunistischen Partei Algeriens (1935), zu dieser Zeit noch eine der Kolonien des imperialistischen Frankreich. Zu den Existentialisten zählt er sich selbst nie. Bis zum Bruch mit Sartre 1952 steht er ihnen zwar nahe, vertritt aber eigene Positionen, die in der "Philosophie des Absurden" zusammengefasst werden.

Wie Sartre verliert er früh den leiblichen Vater (1914), stammt aber nicht wie dieser aus dem (relativ) wohlhabenden bürgerlichen Milieu, sondern wächst in ärmlichsten Verhältnissen in Algier auf. Als begabter Grundschüler bekommt er von seinem Lehrer trotz seiner Herkunft die Erlaubnis zum Besuch eines Gymnasiums. Dort verheimlicht er aus Scham seine leicht behinderte Mutter, die nie lesen oder schreiben lernte und so gut es geht seine Armut.

Diese Entfremdung vom Ist-Zustand der eigenen Verwandtschaft und der katastrophalen politischen Verhältnisse erscheinen als ideale Voraussetzung für einen gründlichen Neuentwurf der eigenen Person. Vermochten Sartre und de Beauvoir sich eine - im Vergleich - angepasste Nische in der Pariser Künstler- und Intellektuellenszene zu schaffen, war bei Camus der Bruch radikaler, die Revolte essentieller Bestandteil der Existenz.

Bruch um Bruch

Als frisches Mitglied der Kommunistischen Partei Algeriens bestand seine Aufgabe darin, unter der mehrheitlich arabisch- und berberstämmigen Bevölkerung Mitglieder zu werben. Genauso gut hätte man ihn beauftragen können, den Inuit Kühlschränke zu verkaufen: atheistischen Marxismus in einem arabisch geprägten Land zu verbreiten - eine Schnapsidee der führenden Kader.

Einschneidender war jedoch die Forderung der Partei an ihn, zukünftig auf jede Art von antikolonialistischer Propaganda zu verzichten - aus strategischen Gründen, um Frankreich gegenüber dem erstarkenden Deutschland nicht zu schwächen. Camus, dem die Gleichberechtigung der einheimischen Bevölkerung ein essentielles Anliegen war, blieb sich treu und wurde daraufhin 1937 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. 

1936 gründet er mit anderen Linken in Algier das "Theater der Arbeit". Ein erstes Stück, das er mit drei weiteren Autoren verfasste - "Revolte in Asturien" ("Révolte dans les Asturies") - handelt vom Streik spanischer Bergarbeiter und wird noch vor der Erstaufführung von den Behörden verboten. 

Während einer Europareise im selben Jahr entdeckt er, dass seine morphiumsüchtige Frau ihn mit ihrem Arzt betrügt - der sie dafür mit Morphium versorgt. Er trennt sich von ihr, wird sie aber sein Leben lang weiter finanziell unterstützen.

Ebenfalls im selben Jahr bekommt er von der Universität Algier sein Hochschuldiplom (Philosophie) mit einer Arbeit über die antiken Philosophen Plotin und Augustinus von Hippo, wird dann aber aus gesundheitlichen Gründen (Tuberkulose) 1937 nicht zu den Prüfungen zum Lehramt an Gymnasien zugelassen - das Ende seines bisherigen Lebensentwurfs als zukünftiger Lehrer. 

Neuentwürfe

1937 veröffentlicht Camus seine erste Essaysammlung "Licht und Schatten" ("L’Envers et l’Endroit") und beginnt mit seinem ersten Roman "Der glückliche Tod" ("La Mort heureuse"). Der wird nie vollendet, liefert aber Material für seinen ersten und zugleich bekanntesten Roman "Der Fremde" ("L'Etranger"), der 1942 erscheinen wird und seinen literarischen Durchbruch bedeutet.

1938 arbeitet er aber noch als Helfer im meteorologischen Institut von Algier und bekommt 1939 eine Stelle als Journalist in der neu gegründeten linken Zeitung "Alger républicain". Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen erschwert die ständige Zensur der Behörden die weitere Herausgabe der Zeitung, 1940 stellt sie ihr Erscheinen ganz ein.

Seine Situation in Algerien - frisch verheiratet, aber ohne Einkommen - wird für ihn unerträglich und noch im selben Jahr übersiedelt er nach Paris, wo ihm sein Freund Pascal Pia (wie schon beim "Alger républicain") eine Anstellung als Journalist vermittelt. Nach wenigen Monaten bei der Tageszeitung "Paris-Soir" der Einmarsch deutscher Truppen in Paris. Flucht der Redaktion und Camus kehrt kurzzeitig zurück nach Algerien, wo er eine Anstellung als Lehrer in Oran findet, bis er sich 1942 endgültig in Frankreich niederlässt und sich der Résistance anschließt. 

Das Absurde

Er beendet die Arbeit an "Der Fremde", verfasst sein erstes eigenes Bühnenstück "Caligula", den Essay "Der Mythos des Sisyphos" ("Le Mythe de Sisyphe") und erstellt frühe Skizzen seines zweiten Romans "Die Pest" ("La Peste"). Jedes dieser Werke kreist um das Absurde, den Tod und die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz, der sich seine Hauptfiguren auf unterschiedliche Weise entgegenstellen.

Meursault ("Der Fremde") erschießt in surreal anmutender, bedrohlicher Situation sein Gegenüber, verweigert vor Gericht seine Verteidigung und wartet - völlig eins mit sich selbst und seiner Lage - auf die Hinrichtung.

Caligula, römischer Kaiser, erkennt die Sinnlosigkeit jeder Existenz und reagiert darauf - vom Tod besessen - mit ultimativer Grausamkeit.

Sisyphos, antike Sagengestalt, weiß um die Sinnlosigkeit seiner Aufgabe und erträgt sie - auch wenn sie nie enden wird - mit gelassener Heiterkeit. 

Das Absurde ergibt "...nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord." und  Camus liefert gleich darauf die Antwort: "Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet." (aus "Der Mythos des Sisyphos"). Die Unsinnigkeit des Suizids ergibt sich für ihn daraus, dass der Tod nicht mehr Sinn haben kann als das Leben selbst.

Die Revolte

Während der Zeit der Pest ist der Tod allgegenwärtig, gesellschaftliche Strukturen lösen sich auf, jeder kann das nächste Opfer sein. Man findet gemeinsam die einzige Strategie um zu überleben: Solidarität. "Die Pest" (1947) zählt Camus nachträglich zusammen mit dem Stück "Die Gerechten" ("Les Justes", 1949) und dem Essay "Der Mensch in der Revolte" ("L’Homme révolté", 1951) zum "Zyklus der Revolte". 

Dieser Zyklus ist die ethische Antwort auf den vorangehenden "Zyklus des Absurden". Ist das Absurde die bloße Negation und das Akzeptieren der Erkenntnis der absoluten Sinnlosigkeit, ist die Revolte der darauf folgende Schritt - hin zu einem Humanismus der sich verbrüdernden Menschen. Ein Humanismus, der nicht auf Ideologien oder Dogmen beruht, sondern auf der Anerkennung des Menschen als Mitmensch.

Die Revolte ist die ständige Spannung zwischen dem Nein und dem Ja. Sie verneint die Welt, wie sie ist, und bejaht den Menschen, wie er sein sollte. Sie bedeutet, sich dem Absurden nicht zu unterwerfen, sondern ihm mit Würde und Solidarität zu begegnen. 

Der Versuch, sich damit auch von jeglicher Ideologie und politischen Parteien frei zu machen, sorgt nicht nur für den Bruch mit Jean-Paul Sartre im Jahr 1952, als gemäßigter linker Pazifist scheitert er auch als Vermittler zwischen Franzosen und unterdrückten Algeriern. Ist er den einen zu links, ist er anderen wiederum zu rechts. Halten ihn die einen für zu araberfreundlich, halten ihn die anderen für zu frankophil. 

Er selbst stand für sich, für seine Positionen und für ein Nahverhältnis zum Anarchismus, mit dem zwar kein Staat zu machen ist, aber unbequemen Freigeistern oft die einzige Zuflucht ermöglicht. Wie er sich während der Unruhen im Paris des Mai 1968 verhalten hätte, kann nur vermutet werden. Albert Camus stirbt, drei Jahre nachdem ihm der Literaturnobelpreis verliehen wurde, im Jahr 1960 - naturgemäß völlig sinnlos - bei einem Verkehrsunfall.

Werke

Romane: "Der Fremde" (1942), "Die Pest" (1947), "Der Fall" (1956), "Ein glücklicher Tod" (1971), "Der erste Mensch" (posthum 1994)

Essays: "Licht und Schatten" (1937), "Der Mythos des Sisyphos" (1942), "Der Mensch in der Revolte" (1951), "Hochzeit/Der Sommer" (1958), "Algerische Chroniken" (1960)

Theaterstücke: "Caligula" (1944), "Das Missverständnis" (1944), "Die Gerechten" (1949)