Testkammer in 'Portal Revolution'
"Die Eltern, die Sie anrufen möchten, lieben Sie nicht. Legen Sie auf."

Spiele, die im Museum of Modern Art (New York City, USA, 2013) in einer Dauerausstellung laufen, sind ziemlich selten. 'Portal' gehört zurecht in diesen erlesenen Kreis von herausragenden Computerspielen. Durch das einzigartige Spielprinzip und die stimmige Atmosphäre lässt der Spieler schnell die reale Welt hinter sich und schießt sich - mit zwei Portal-Kanonen bewaffnet - Löcher in die Virtuelle Realität.

"Ich hatte ein schönes Leben. Niemand tötete mich, steckte mich in eine Kartoffel oder verfütterte mich an Vögel."

(Ur)sprung ins nächste Level

'Portal' entstand aus der 2005 erschienenen freien Technologie-Demo 'Narbacular Drop' eines Studienprojekts ('Nuclear Monkey Software') am DigiPen Institute of Technology (Redmont, Washington, USA). Die Demo überzeugte und bot für den angehenden Spiele-Multi Valve (Steam) damals eine ideale Möglichkeit seine Produktpalette zu ergänzen. Noch im selben Jahr wurde das komplette Studententeam bei einem Karriere-Event am Campus zu Valve-Mitarbeitern.

Die Story wurde daraufhin im ebenso von Valve stammenden Half-Life-Universum angesiedelt und zusammen mit Half-Life-Autor Marc Laidlaw entwickelt. Die erste Demoversion 'Portal: The First Slice' erschien 2008 exklusiv für alle Steam-Nutzer, die einen Grafikbeschleuniger von Nvidia in ihrem Rechner stecken hatten. 

2008 erschien für PC auch die erste Vollversion 'Portal' für den Handel als Teil der 'Orange Box' zusammen mit 'Half-Life 2', 'Half-Life 2: Episode One', 'Half-Life 2: Episode Two' und 'Team Fortress 2'. Wer 'Portal' für PC besitzt, kann 'Portal: The First Slice' als Mod gratis herunterladen und darin einbauen - Bezugsquelle natürlich das hauseigene Spiele-Portal 'Steam'.  

Für die Xbox 360 trägt 'Portal' den Titel 'Portal: Still alive', erschien ebenfalls 2008, und bietet 14 Level mehr als die (ungemoddete) PC-Version. Diese und weitere Maps (also Levels) sind für PC-User, die 'Portal' und 'Half-Life' installiert haben mit der Fan-Mod 'Portal: The Flash Version MapPack' problemlos gratis spielbar. Das Hauptspiel und jede Menge Mods für PC, können mit etwas Bastelarbeit auch unter Linux zum Laufen gebracht werden.

2010 gab's 'Portal' dann auch offiziell für macOS-Nutzer (Mac OS X 10.6 Snow Leopard auf 32-bittiger Intel-Architektur) inklusive kostenlosem Download in den ersten zwei Wochen. Da es nie auf 64-Bit portiert wurde, braucht man dafür auf aktuellen Apfelkisten die Mac-üblichen Klimmzüge (Bootcamp, VMware, Wineskin oder Porting Kit) oder man entscheidet sich gleich für die Windows-Version - und die Turnübungen. 

2011 erschien 'Portal 2" für PC, Mac, Xbox 360 und Playstation 3. Die Spielmechaniken wurden enorm erweitert, ebenso die Story. Neue Charaktere tauchen auf und ein Koop-Modus kommt dazu. Ein Update für den ersten Teil bringt ein alternatives, neues Spielende und ein Editor für eigene Levels ist sowieso dabei. Über besonders gelungene freut sich die große Community auf Steam.

Liegen die Bewertungen auf Steam für den ersten Teil bei ausgezeichneten 90%, führte der zweite mit 99% lange Zeit die Bewertungsstatistik an und zwar vor allen anderen Spielen des Steam-Stores - besser als alle anderen der über 100.000 Spiele auf Steam. Beide Teile zusammen wurden bisher über acht Millionen Mal verkauft und spülten eine gute Viertelmilliarde Dollar Umsatz in Steams Geschäftsbücher.

Portale durch tödliche Testkammern

"Kuchen und Trauerberatung werden am Ende des Tests angeboten."

Der Spieler startet im ersten Teil in einer beklemmenden, sterilen Atmosphäre als Testperson in einer gigantischen Forschungsanstalt der 'Aperture Laboratories', einem Konkurrenten der 'Black Mesa Research Facility' aus 'Half-Life'. An Flucht braucht man gar nicht erst denken. Immerhin liefert die weibliche Stimme des 'Genetic Lifeform and Disk Operating System GLaDOS' dezente Anweisungen und kryptische Bemerkungen. 

Das eigene Leben scheint völlig wertlos zu sein. Hier ist man nicht nur eine Nummer, man ist anscheinend auch noch die letzte übriggebliebene. Fehltritte werden sofort mit Shreddern, in Säure auflösen oder anderen interessanten Todesarten bestraft. Nach einer etwa 30-minütigen Orientierungs- und Entdeckungsphase und kleinen ersten Tests kommt man endlich an die beiden Portal-Kanonen, mit denen man Ein- und Ausgangsportale in geeignete Wände, Decken oder Böden schießt. 

"Beachten Sie, dass ein Scheitern Konsequenzen hat. Kontakt mit dem Kammerboden führt zu dem Vermerk 'Unzureichend' auf Ihrem Testbogen, gefolgt von Ihrem Tod. Viel Glück!"

Man gewöhnt sich rasch an die gefährliche, sich von Kammer zu Kammer, teilweise stark ändernde Umgebung um dann plötzlich aus dem Wartungstrakt heraus wieder eine völlig neue Perspektive auf das Konzernareal von ' Aperture' zu bekommen. Mit kühlem Kopf passiert einem gar nichts, aber ohne herumexperimentieren kommt man nicht weiter und diese Kammern machen süchtig. Mal müssen die richtigen Knöpfe in der Testeinrichtung gedrückt werden, mal Killerdrohnen mit gut platzierten Reflektoren vernichtet werden, dann schießt man sich mit genialen, physikalisch korrekten Stunts selbst quer durch die Hallen - und nicht selten alles zusammen. In vielen der unzähligen Levels (Testräume) kommen neue Spielelemente dazu.

Die abgedrehten, oft sarkastischen, manchmal emotionalen Kommentare der völlig durchgeknallten künstlichen Aufseherin sind ständiger Begleiter auf der Reise durch das riesige Testgelände, das man - je nach Level - auch mal von außen sieht und mit sich regelmäßig erweiternden Spielmechaniken auf unterschiedlichste Arten durchquert. 

Viel mehr wird hier nicht gespoilert. Nicht über den Fortgang der Geschichte und auch nicht, wie diese zusätzlichen Spielelemente aussehen. Das Spiel ist was für Entdecker mit Hang zu skurrilem Humor, abgedrehten, überraschenden, aber auch immer logischen Lösungsansätzen. Gutes räumliches Vorstellungsvermögen und eine Ahnung von physikalischen Gesetzmäßigkeiten erleichtern das Überleben als Versuchskaninchen.

"Was schnell hineingeht, kommt auch schnell wieder heraus."

Klaustrophobie (Platzangst) und agoraphobische Störungen (die andere Platzangst) könnten leicht getriggert werden, so wie Panikreaktionen, angesichts des ständig drohenden Todes. Achterbahntauglich sollte man auch sein und gute Reaktionszeiten unter Stress helfen weiter, den hat man aber eigentlich nie. Für angehende Amokläufer und Militaristen auf der Suche nach dem ewigen Feind und Massenmord ist keiner der Teile zu empfehlen, der einzige Feind in allen Teilen der Serie ist die eigene Beschränktheit im Kopf. 

Modding, VR und kein Ende in Sicht

Da 'Portal' und 'Portal 2' mit Editor ausgeliefert werden, entstehen regelmäßig neue Map-Sammlungen und Mods. Besonders hervorzuheben ist 'Portal Stories: Mel', das - obwohl kein offizieller Steam-Titel - die Qualität der beiden Haupttitel und einen Umfang bietet, der es zum inoffiziellen dritten Teil oder auch zu 'Portal 1.5' macht - ganz wie man möchte. Dieser kostenlose Fan-Mod erschien 2015 für 'Portal 2' und umfasst 22 Level.

'Portal Reloaded' gibt es seit 2021, ist ebenfalls ein Fan-Mod für 'Portal 2' und führt ein weiteres, grünes Portal für Zeitreisen ein. Es ist natürlich kostenlos und umfasst 25 Einzelspieler-Testkammern und 20 Koop-Level. 

'Portal Revolution' spielt zwischen erstem und zweiten Teil, kam 2024 raus und beinhaltet 40 neue Solo-Kammern und weitere neue Spielmechaniken. Für 'Portal 2' und kostenlos. 

Wer sich via VR-Set noch tiefer in die Existenz als Ausweg suchendes Versuchskaninchen einklinken möchte, findet einen in diesen beiden Portalen: 
'Portal Stories: VR' basiert auf 'Portal Stories: Mel', steht seit 2016 kostenlos im Steam-Store und unterstützt SteamVR kompatible Headsets. Die mit der Unreal Engine 4 von Prism Game Studios entwickelte Mod umfasst 10 neue Testkammern, eigene Story und neue Gerätschaften.

Mit 'Portal 2 VR-Mod' (Flat2VR-Projekt) kann der gesamte Testablauf des zweiten Teils noch einmal durchquert (und überlebt) werden. Kostet auch nix, stammt von Gistix und wurde 2023 auf GitHub veröffentlicht. Es unterstützt 6 Freiheitsgrade und bietet einen Koop-Modus. Läuft mit Valve Index, HTC Vive, Meta Quest 2 & 3, Oculus Rift / Rift S und PICO 4.

Raytracing-Mods bringen ebenso ein Plus an Immersion, erfordern aber oft teure, stromhungrige Beschleunigungsmonster und sind für Puristen unnötiger Eye Candy. 'Portal' war immer schon einigermaßen Ressourcen schonend, das gilt auch für seine RTX-Mods.

Wer 'Portal' nicht kennt oder es aus einem anderen Grund noch nicht gespielt hat, sollte schnell etwas an seinem viel zu kurzen Leben ändern. Am besten noch heute runterladen, installieren und dann - mal schauen. 

"Der Kuchen ist eine Lüge."