Mozart mit Frau und Freunden beim Tarock
Von Goethe, Schiller, Brahms bis Mozart - tarockiert wird seit Jahrhunderten

Gleich vorweg: im Gegensatz zu den verschiedenen Varianten von Poker zählen Tarock, Skat und Schnapsen nicht zu den Glücksspielen, sondern zu den Geschicklichkeitsspielen. Wirklich schlechte Karten gibt es dabei eigentlich nicht, es kommt meist darauf an, was man daraus macht und wer das Spiel bestimmt. 

Während die verschiedenen Tarock-Varianten in Frankreich und den ehemaligen Ländern der Habsburger-Monarchie - besonders in Österreich - noch eine recht hohe Anhängerschaft besitzen und auch die Schweizer ihre eigenen Varianten davon haben, werden regionale Varianten noch in Deutschland und Dänemark gespielt. 

Der überwiegende Teil der Welt kennt die Tarockkarten nur als Tarot - nicht als Kartenspiel, sondern zum Zweck der Psychoanalyse oder darüber hinaus in der Esoterik zur Zukunftsvorhersage. Wie beim taoistischen I-Ging ist beides möglich, die Grenzen dazwischen sind unscharf. 

Anhänger des Tarot haben eine größere Auswahl an möglichen Erklärungen für die Herkunft der Karten, da sie nicht auf historische Fakten angewiesen sind. In der Esoterik zählen Visionen ebenso zur Realität wie Eingebungen durch Engel oder ähnliches. Diese TechnSoph-Rubrik widmet sich aber der nüchternen Betrachtung des Themas "Spiele" und dabei bleibt es in diesem Artikel auch. 

Historie

Die klassische Antike kannte Würfel-, Brett- und Glücksspiele, aber kein Kartenspiel. In Europa tauchen Spielkarten erst im 14.Jahrhundert auf. Die ältesten bekannten Spielkarten stammen aus China, aus der Zeit der Tang-Dynastie (618-907 n.Chr.). Das Yezi Ge ("Spiel der Blätter") fand seinen Weg nach Europa allmählich über Indien und Persien - vermutlich über die Handelsrouten der Seidenstraße. 

Die ersten Kartensätze dürften daher von arabischen und asiatischen Einflüssen geprägt gewesen sein, aus ihnen entwickelten sich erste Stichspiele ohne Trümpfe, deren Namen nicht überliefert sind. Tarot tauchte in Norditalien erstmals um 1430-1440 auf. Zu den ursprünglichen Farb- und Zahlenkarten kamen dauerhafte Trümpfe ins Spiel. Erster erwähnter Name: Trionfi ("Triumphe"). 

Um 1500 tauchte in Frankreich erstmals Taraux und in Italien Tarocchi als Bezeichnung auf. Warum, ist nicht wirklich geklärt - am wahrscheinlichsten ist eine Ableitung vom französischen tarotée ("kariert"), was auf die Rückseite der Karten verweisen würde.

Durch die zwischen 1480 und 1510 aufkommende Spielkartenproduktion (auch dafür Danke an Herrn Gensfleisch) in Lyon, wurde aus dem ursprünglich italienischen Spiel eine französische Domäne und das "Tarot de Marseille" das klassische Kartendeck ab dem 17.Jahrhundert.

Es beinhaltet die klassischen italienischen Farben Schwerter ("Spade"), Stäbe ("Bastoni"), Becher ("Coppe"), Münzen ("Denari"), 21 nummerierte Trumpfkarten und den Narren ("L'excuse" = "Entschuldigung"). Motive und Bildwelten auf den Karten variieren seit je her, fixe Vorgaben gibt es dafür nicht.

In Mitteleuropa und den Ländern der Habsburgermonarchie entstanden im 17. und 18.Jahrhundert lokale Varianten. Aus Schwertern, Stäben, Becher, Münzen wurden Pik, Treff (Kreuz), Herz und Karo. Aus "L'excuse" wurde der Sküs, der Begriff Tarock wird etabliert. 

In Bayern, Württemberg, Preußen, Sachsen, Franken und Schwaben entwickelten sich Spielarten des Deutsch-Tarock mit 36 Karten und ohne permanente Trümpfe - und das Deutsche Tarock mit 78 Karten, das zum Großtarock wurde und von Bayern aus seinen Weg auch nach Österreich fand. 

Es gibt heute noch ein gutes Dutzend in Europa gespielter Varianten, für zwei, drei oder vier Spieler mit Decks zwischen 40 und 78 Karten. Cego und Dreierles für drei oder vier Spieler wird mit 54 Karten im deutschen Schwarzwald und in Mittelbaden gespielt. In Frankreich heißt Tarock nach wie vor Tarot, für drei bis fünf Spieler und hat 78 Karten.

Das ungarische Tarock variiert zwischen 40 und 54 Karten für vier Spieler, ist auch noch in Siebenbürgen (Rumänien) verbreitet, hat aber auch in Österreich Anhänger. Die Österreicher kennen noch eine Reihe weiterer Spielarten wie das Königrufen, Neunzehnerrufen, Zwanzigerrufen Strohmandeln (für zwei Spieler), Dreiertarock und das Illustrierte Tarock. Im Schweizer Kanton Wallis spielt man Troggu mit drei bis acht Spielern, in Graubünden mit drei bis sechs Spielern.

Die Regeln und Eigenheiten all dieser Tarock-Varianten würde den Rahmen dieses bescheidenen Artikels völlig sprengen, aber sehen wir uns exemplarisch das heute in Österreich am weitesten verbreitete (und seine Grundregeln) einmal genauer an - das Königrufen.

Königrufen

Gespielt wird zu viert, das Deck besteht aus 54 Karten mit einem Gesamtwert von 70 Punkten. Es gibt vier Farben mit dem König als höchster Karte (5 Punkte), gefolgt von  Dame (4 Punkte), Reiter (3 Punkte), Bube (2 Punkte), 21 nummerierten Trümpfen (Tarock), dem Sküs als höchsten Trumpf (je 1 Punkt) und den Zahlenkarten 10,9,8,7 (0 Punkte). Ass gibt es keines.

Es gibt einen Talon von 2x3 Karten. Der Spieler, der das Spiel bestimmt, kann sich für eines der beiden (jetzt für alle einsehbaren) Pakete entscheiden und 3 Karten tauschen. Das andere Paket zählt zu den Stichen des gegnerischen Teams. Der Talon ist nicht bei allen Spielen einsehbar und nicht immer spielen 2 gegen 2, aber dazu gleich mehr.

Gezählt werden die Stiche immer in Gruppen von je drei Karten und von der Summe jeder Dreiergruppe werden 2 Punkten abgezogen. Unvollständige Gruppen bringen keine Punkte. Eine Gruppe mit 3 Trümpfen zählt also 1 Punkt (1+1+1-2=1), besteht die Gruppe aus 3 Königen, zählt diese 13 Punkte (5+5+5-2=13). Es ist empfehlenswert, die Gruppen so zu bilden, dass keine hohen Werte in einer unvollständigen Gruppe landen.

Der Spieler links vom Geber hat die Vorhand und bestimmt das Spiel ("Lizitieren"), kann aber auch passen, wenn er kein Spiel ansagen möchte. Sein angesagtes Spiel kann von den anderen Spielern durch ein höher lizitiertes Spiel noch überboten werden, dazu kommt jeder - im Uhrzeigersinn - einmal zu Wort. Passen alle, gibt es das Standardspiel, das "Rufen" oder eines der Spezialspiele, die nur nach allgemeinem Passen möglich sind. Welche Spiele gibt es und wie ist ihre Wertigkeit?

Gewonnene Spiele zählen immer 1 Punkt - zumindest im privaten Rahmen, bei Turnieren reichen die Punkte pro Spiel von 0 (oder 1) fürs "Trischaken" bis zu 120 Punkten fürs "Farbensolo". Wir bleiben im privaten Rahmen, der Artikel richtet sich nicht an Turnierspieler und Profis.

Durch vorherige Ansage (zb. "Pagat Ultimo" - Tarock I muss den letzten Stich machen) können Zusatzpunkte geschrieben werden und dadurch steigt die Wertigkeit. Geht die Ansage nicht durch, schreibt das Siegerteam 1 Extrapunkt und das ansagende Team bekommt einen Minuspunkt.  

Es herrscht immer Farbzwang, die Farbe die ausgespielt wird, muss - wenn vorhanden - von allen bedient werden. Die Wertigkeit der möglichen Spiele beginnt mit dem "Trischaken" und steigert sich bis zum höchst gereihten Spiel "General" ("Alles" oder "Grammopoi").

"Trischaken": jeder spielt gegen jeden, es gibt keine Trümpfe, aber wie immer Farbzwang. Der Talon wird nicht verwendet oder pro Stich eine Karte daraus "zugeworfen". Ziel ist es, so wenig Punkte wie möglich zu machen. Verlierer ist der Spieler mit den meisten Punkten, er zahlt an die anderen. Kann nur vom Spieler in Vorhand gespielt werden, wenn alle passen.

"Rufer" (das Standardspiel, wenn alle passen): der Spieler ruft einen König und bildet mit dem Besitzer des entsprechenden Königs ein Team. Wer diesen König besitzt, wird nicht verraten, sondern wird im Lauf des Spiels durch die gewählte Taktik (zb. der Zugabe) erkennbar. Das Team, das zuerst mehr als 35 Punkte in den Stichen hat, gewinnt. Mit Talon (3 Karten).

"Rufer mit Pagat": wie "Rufer", aber der Pagat (Tarock I) muss als letzte Karte gespielt werden - und stechen.

"Dreier": der Spieler spielt allein gegen drei, sonst ist alles wie beim "Rufer".  

"Sechserdreier": wie "Dreier", aber mit Tausch von 6 Talonkarten und kann nur vom Spieler in der Vorhand gespielt werden.

"Solorufer": wie "Rufer", aber der Spielmacher spielt allein und der Talon wird nicht berührt.

"Solorufer mit Pagat": wie "Solorufer", aber mit dem Pagat als letzten Stich.

"Bettler": die Trümpfe zählen als gewöhnliche Farbe, der Spieler bleibt allein und darf keinen Stich machen. Der Talon bleibt verdeckt und es sind keine Zusatzansagen möglich.

"Piccolo": mit Trümpfen, ohne Talon, der Alleinspieler braucht genau einen Stich. 

"Zwiccolo": wie "Piccolo", aber der Alleinspieler braucht genau zwei Stiche.

"Triccolo": wie "Zwickolo", aber der Alleinspieler braucht genau drei Stiche.

"Farbensolo": kein Talon, Tarockkarten als normale Karten, Spieler bestimmt eine Farbe als Trumpf und spielt allein.

"Königsolo": ebenfalls einer gegen drei, mit Trümpfen, kein Talon, 35-Punkte-Regel und der Alleinspieler muss mindestens einen König in einem Stich gewinnen.

"Narrensolo": einer gegen drei, mit Trümpfen, kein Talon. Der Alleinspieler darf den Sküs weder ausspielen, noch verlieren - "der Sküs muss leben!"

"Solo ohne Talon": einer gegen drei, mit Trümpfen, kein Talon, 35-Punkte-Regel.

"General" (oder "Alles", "Grammopoi"): einer gegen drei, mit Trümpfen, kein Talon, alle Stiche.

Zusätzliche Prämienpunkte beziehen sich auf bestimmte Ziele, die während des Spiels erreicht werden müssen. Sie können auch still (ohne Ansage) gespielt werden, zählen bei Ansage aber doppelt und bei "Kontra" verdoppelt sich der Wert noch einmal. Es gibt aber auch noch den "Rekontra" (erneute Verdoppelung) und "Subkontra" (bereits 8-facher Wert).

"Pagat Ultimo": letzter Stich mit Pagat (Tarock I)

"Uhu": vorletzter Stich mit Tarock II 

"Kakadu": drittletzter Stich mit Tarock III 

"Quapil": viertletzter Stich mit Tarock IV 

"König Ultimo": der gerufene König wird im letzten Stich gespielt und gewinnt

"Mondfang": der Mond (Tarock XXI) wird vom Sküs gestochen

"Königfang": der gerufene König wird von den Gegnern eingefangen

"Valat": alle Stiche werden gewonnen – zählt oft vier- bis achtfach

Dazu gibt es noch Zusatzpunkte für Kartenkombinationen, die vor dem ersten Stich angesagt werden. Diese können aber nicht gekontert werden, da sie ja faktisch gegeben sind (auch wenn sie nicht gezeigt werden müssen). Diese Extrapunkte werden am Ende des Spiels dazugezählt, unter der Voraussetzung, dass man es gewinnt.

"Trull": Sküs, Mond und Pagat in der Hand (Narr, Tarock XXI, Tarock I)

"Vier Könige": alle vier Könige in der Hand

"Honneurs": mindestens fünf der sieben wertvollsten Karten (Trull + Könige)

"Tarock": mindestens acht Tarock im Blatt

"Grand-Tarock": nur Tarock im Blatt

"Ohne Trull": kein Trullstück im Blatt (wird oft bei Dreierspielen angesagt)

"Köpfe": zwei Trullstücke im Blatt

Dieser Überblick über die grundlegenden Regeln sollte als Median verstanden werden, da in beinahe jeder privaten Runde Regeln dazu- oder wegkommen. Das reicht von unterschiedlichen Regeln fürs "Trischaken" über die Anzahl der ansagbaren "Vögel" ("Pagat Ultimo", "Uhu", "Kakadu" und "Quapil"), die auch noch um "Geier" und "Wildsau" (Tarock V und VI als fünftletzte bzw. sechstletzte Karte) erweitert werden kann, bis zur unterschiedlichen Punktevergabe für einzelne Spiele und ansagen. Dazu kommen noch weitere optionale Extraregeln wie die "Jungfrau", "Bürgermeister" usw.

Wie bereits erwähnt, ist das nur der Überblick für eine einzige Variante - des in Österreich im privaten Rahmen beliebtesten Tarockspiels Königrufen. Wer Lust hat, das ganze einmal selbst zu probieren, braucht definitiv folgendes: Spielkarten, eine gemütliche Runde aus vier Personen mit etwas Zeit, zumindest einen Tarockkundigen oder ein Handbuch für wirklich genaue Regeln. 

Abgesehen von der enormen Spieltiefe und den taktischen Möglichkeiten, schafft Tarock eine heute kaum mehr anzutreffende zeitlose Atmosphäre, die von der Regelmäßigkeit der Wiederholung und den teilnehmenden Persönlichkeiten lebt. In der heutigen Zeit der nervösen Austauschbarkeit von jedem und allem - und den allgemein eher kurzen Aufmerksamkeitsspannen - ein hoffentlich nicht ganz dem Glücksspiel weichendes Kartenspiel mit Tradition und Raffinesse. 

Am besten spielt es sich mit guten alten Freunden zuhause - geeignete Wirts- und Kaffeehäuser dafür sind leider selten geworden. Apropos gute alte Freunde, da fällt mir ein: lieber Heribert, alles Gute zum Geburtstag!